Geschichte

Die Ursprünge der Tibetischen Medizin und Konstitutionslehre

Die Anfänge der Tibetischen Medizin und Konstitutionslehre liegen in der vorbuddhistischen Ära der Bön-Religion. Die animistische Heilpraxis der Bönpas wurde mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeit durch Shenrab Miwo gelehrt. Sie umfasste einzelne Heilpraktiken, Ernährungsregeln sowie eine rudimentäre Arzneimittelkunde.

Die schamanistischen Praktiken und die Naturheilkunde der Bönpas wurden in der ersten Häfte des 7. Jahrhunderts n. Chr. unter dem tibetischen König Song Tsen Gampo reformiert und weiterentwickelt.

Auf Anregung seiner beiden Frauen, der chinesischen Prinzessin Wencheng und der nepalesischen Prinzessin Bhrikuti lud der König Song Tsen Gampo Ärzte aus Indien, China, Iran, Nepal und Kaschmir ein.

Die Tibetische Schrift wurde weiterentwickelt und verschiedene medizinische Texte ins Tibetische übersetzt.

Erste Konferenz zur Tibetischen Medizin

Unter König Tri Song Detsen (755 bis 797 n. Chr.) wurde eine medizinische Konferenz in Lhasa einberufen, zu der Ärzte aus allen angrenzenden Gebieten eingeladen waren.

Als Synthese der dargestellten medizinischen Wissenssysteme schreibt Yuthok Yonten Gonpo, ein Tibetischer Arzt, eine erste Version der vier Medizintantras, das Gyüshi [rGyud-bZhi].

Auf Basis dieser und anderer medizinischen Schriften verfasste Yuthog Yonten Gonpo der Jüngere im 11. Jahrhundert n. Chr. die heutige Version des „Gyüshi“, das Grundlagenwerk der Tibetischen Medizin.

Darin sind 84’000 Krankheiten klassifiziert und 2’293 Heilmittelzutaten dargestellt.

 

Entstehung der schriftlichen Grundlagen

Im 17. Jahrhundert n. Chr. entwickelte sich die Traditionelle Tibetische Medizin zur klassischen Reife. Seine Heiligkeit, der V. Dalai Lama, veranlasste neben dem Bau des Potala-Palastes auch die Gründung des Chakpori-Medizin-Institutes in Lhasa.

Sein Regent, Sangye Gyamtso, überarbeitete das Gyüshi und gab einen berühmten Kommentar mit dem Titel „Blauer Beryll“ heraus.

Ausserdem veranlasste er die Herstellung von 79 Gemälden, den so genannten Medizin-Thangkas (Rollbilder), die den Inhalt seines Kommentares illustrieren.

Das Gyüshi, der Kommentar „Blauer Beryll“ und die 79 Thangkas sind bis heute die Grundlagen der Tibetischen Medizin.

Die Verbreitung der Tibetischen Medizin

1916 gründete der 13. Dalai Lama in Lhasa die zweite Schule für Medizin und Astrologie, das Men-Tsee-Khang. Diese Institution stand sowohl Mönchen, wie auch Laien offen. Die Ausbildung für Tibetische Ärzte war stark auf die praktische Behandlung von Patienten ausgerichtet.

Die Anwendung der Tibetischen Medizin blieb nicht auf Tibet beschränkt, sondern verbreitete sich in der Mongolei, China, in buddhistischen Regionen von Russland (z.B. im sibirischen Burjatien) und in Zentralasien sowie in Nepal, Sikkim, Bhutan und Ladakh.

Im russischen Zarenreich des 19. Jahrhunderts erreichte der Ruf der Wirksamkeit der Tibetischen Medizin sogar den Hof des Zaren in St.Petersburg. Dort eröffneten Tibetische Ärzte, ursprünglich aus Burjatien stammend, die erste Klinik und Apotheke für Tibetische Medizin in Europa.

Tibetische Medizin auf dem Weg in die Moderne

Vor der chinesischen Besetzung Tibets 1959 gab es in der Hauptstadt Lhasa zwei Medizinzentren: Chakpori und Men-Tsee-Khang.

Während der Kulturrevolution wurden das Chakpori und viele wertvolle Schriften zerstört.

Durch den Tod vieler Ärzte ging ein Teil des überlieferten praktischen Wissens unwiederbringlich verloren.

Das Men-Tsee-Khang in Lhasa hat diese Zeit glücklicherweise überdauert, und die Tibetische Medizin wird heute in Tibet wieder gelehrt und praktiziert.

1961 gründete die tibetische Exilregierung in Nordindien das Tibetan Medical & Astro Institute (TMAI) neu.

Ziel ist es, das traditionelle Wissen der Tibetischen Medizin und der Astrologie zu konservieren, zu fördern und weiter zu entwickeln.

Heute gibt es in Indien eine grössere Anzahl Tochterkliniken. Auch das Chakpori-Institut wurde in Indien wieder neu gegründet.

Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama besucht die PADMA

Für die Weiterentwicklung der Tibetischen Medizin und deren Verankerung im Westen setzt sich S.H. der XIV Dalai Lama immer wieder nachdrücklich ein.

Anlässlich seines Besuchs bei der PADMA AG im August 2005 plädierte der Dalai Lama für einen Brückenschlag zwischen der westlichen und der östlichen Medizin:

„Für die Weiterentwicklung unserer Medizin ist es sehr hilfreich, dass es Länder mit Freiheit, Gesetzgebung und einer Tradition des objektiven sowie wissenschaftlichen Arbeitens gibt.

Das ist sehr wichtig und hilfreich. Daher schätze ich Ihre Arbeit, die Sie hier tun, ganz besonders hoch ein.

Ganz wunderbar.

Ich hoffe daher auch, dass in Zukunft unser Medizinzentrum in Dharamsala engen Kontakt mit Ihnen halten wird und damit meine ich, dass einige unserer Ärzte hin und wieder hierher kommen, um zu diskutieren und auch gemeinsame Forschungsprojekte durchzuführen.

(…). Seit langer Zeit schon meine ich, dass das Tibetische Medizinsystem selbst eine Kombination von Medizintraditionen verschiedener Länder ist. (…). Es hat also bereits früher eine enge Kooperation zwischen diesen (Tibet) und anderen Medizintraditionen (China, Indien und andere) gegeben. Und heute, im 21. Jahrhundert, sollten wir diese Kooperation fortsetzen, zum Nutzen der gesamten Menschheit.“

Tibetische Medizin und Konstitutionslehre heute

Heute gibt es rund 2’000 ausgebildete Tibetische Ärzte weltweit. Trotz der relativ überschaubaren Anzahl Tibetischer Ärzte wird die Tibetische Medizin in Asien weit über Tibet hinaus praktiziert, z.B. in Indien, Nepal, Bhutan, in der Mongolei und in Russland. In Teilen Russlands hat sich die tibetisch-burjatische Medizin neben der Schulmedizin etabliert.

Anerkennung als Medizinsystem

Im Zentrum für Orientalische Medizin in Ulan Ude versuchen Tibetische Ärzte neue Wege zu gehen. Sie wollen z.B. die Pulsdiagnose mittels Computerverfahren simulieren.

Wichtigster Standort der Tibetischen Medizin ist und bleibt jedoch das Men-Tsee-Khang Institut im indischen Dharamsala. Seit 2009 wird die „Sowa rigpa“, das tibetische Wissen vom Heilen, vom indischen Staat – neben der ayurvedischen Medizin – offiziell anerkannt.

Tibetische Medizin im Westen

Einige der Tibetischen Ärzte sind nach Europa, in die USA und nach Kanada ausgewandert. Diese Ärzte haben mit ihrem Wissen zur Verbreitung der Tibetischen Medizin und Konstitutionslehre im Westen beigetragen. Aus gesetzlichen Gründen dürfen sie jedoch im Westen oft nicht als „Tibetische Ärzte“ praktizieren.

Sie geben dann ihr Wissen in Gesundheits- oder Ernährungsberatungen zum Wohle der Patienten weiter (so z.B. beim Tibetan Medical Center in Spanien, beim New Yuthok Institute for Tibetan Medicine oder bei der Internationalen Akademie für Traditionelle Medizin [IATTM], beide in Italien).

Die Tibetische Medizin und Konstitutionslehre ist im Westen bestrebt, eine offizielle Anerkennung – wie beispielsweise in anderen Ländern – zu erlangen. Nur die wissenschaftliche Erforschung und Dokumentation ihrer Wirksamkeit kann eine solche Anerkennung langfristig sichern.

Die Schweiz gilt als Vorreiter

Die Schweiz nimmt diesbezüglich eine Vorreiterstellung ein, indem das schweizerische Heilmittelinstitut, Swissmedic, die komplementärmedizinische Kategorie „Tibetische Heilmittel“ anerkennt und bereits in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts erste Arzneimittel der Tibetischen Medizin zuliess.

Gegenwärtig sind drei Tibetische Arzneimittel in der ganzen Schweiz zugelassen, und zwei davon werden unter dem Namen PADMED von den Krankenkassen vergütet.

Die Tibetische Medizin und Konstitutionslehre ist ein ganzheitliches Medizin- und Ernährungssystem, das auf der Lehre der fünf Elemente - Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum - basiert. Die fünf Elemente manifestieren sich im Menschen durch die drei Prinzipien Lung, Tripa und Beken. Sind diese drei Prinzipien im Gleichgewicht, fühlen wir uns geistig und körperlich gesund.
Damit das Wissen um die Tibetische Medizin weiterhin erhalten bleibt, setzt sich PADMA von Beginn weg und auch in Zukunft für die Förderung der wissenschaftlichen Erforschung der Heilkraft Tibetischer Rezepturen ein.